Kritik zu "Peer Gynt"


Artikel in der "Stuttgarter Nachrichten":

 

„Peer Gynt“ im Theater der Altstadt.

Der Kaiser der Selbstsuchenden

Lea Melcher, 01.04.2014 10:00 Uhr

 

"Peer Gynt reitet auf einer Mülltonne vor einer Kulisse aus Bierkästen. Die Mülltonne ist ein Rehbock, den er am dunkelgrünen Plastikgrif niederringt. Peer schwärmt von seinen Heldentaten. „Hätt’st du wieder mal gelogen?“, fragt seine Mutter (Susanne Heydenreich) und bewirft ihn mit bunten Müllsäcken. Daraufhin schließt er sie in einer zweiten Mülltonne ein.

Seine Mutter hat Recht: Peer Gynt lügt; er ist ein Schürzenjäger und ein Trunkenbold.

Bei der Premiere der Inszenierung des Dramatischen Gedichts von Henrik Ibsen im Theater der Altstadt in Stuttgart verwandelt sich die Kulisse aus Dinkel-Acker-Bierkästen mal in den Thron eines Trollkönigs, mal in eine Pyramide oder ein Irrenhaus. Aus ihren Ritzen greifen Hände nach Peer, zuvor wird er mit den Bierkästen verprügelt.

„Peer Gynt“ erzählt die Geschichte eines Taugenichtses, der auf der Suche nach sich selbst durch die Welt reist, betrügt und betrogen wird. Es sind Szenen wie der Tanz einer Sklavin (Anetta Dick), die Peer nach und nach seines Schmucks entledigt, die Peer doch sympathisch machen. Stefan Müller-Doriat gelingt es, seine Figur tollpatschig und zugleich liebenswert wirken zu lassen, durchgeknallt und doch wie jedermann.

Ihn umgeben schillernde Gestalten wie eine Trollprinzessin (Anetta Dick), der düstere Knopfgießer (Reinhold Weiser) und eine vermeintliche Wissenschaftlerin (Susanne Heydenreich), die ihn für „vernünftig im Sinne der neuen Vernunft“ erklärt – und zum „Kaiser der Selbstsucht“ krönt. Dazu erklingen Ausschnitte aus den Peer-Gynt-Suiten von Edvard Grieg, manchmal Gitarrenmusik.

Immer wieder erscheint Peers Geliebte Solveig (Laura Pletzer) in einem Bierkistenfenster und singt von ihrer Sehnsucht nach ihm. Als Peer schließlich in seine Heimat zurückkehrt, hat er sich immer noch nicht gefunden. „Du bist halb dies, halb das“, sagt seine Mutter, die, mittlerweile verstorben, in einem Schlitten über die Bühne gezogen wird. „Ein Mann, der niemals er selbst gewesen“, wirft ihm der Knopfgießer vor.

Das Bühnenbild (Michael Bachmann) entfaltet seine Raffinesse, als Peer sein Leben Revue passieren lässt und dabei Tütenschicht nach Tütenschicht eines Müllsacks entfernt. „Du bist kein Kaiser, du bist eine Zwiebel“, sagt er sich selbst. Der Inszenierung von Uwe Hoppe gelingt es, auf Peers Selbstsuche Komik mit Lebensweisheit, Rohheit mit Feinsinn zu verbinden. Und Peers Suche ist lang: Nach über drei Stunden kehrt er letztendlich zu Solveig zurück und findet seinen Frieden. Am Ende ist Peer Gynt vor allem eines: Der Kaiser der Selbst­suchenden." Lea Melcher